Frank

Der gute Heinzkamke hat mal wieder einen ganz wunderbaren Text geschrieben in dem er uns einen Einblick in den Lebensabschnitt gibt den man im Englischen so schön “preteen” nennt, wozu es im Deutschen aber kein mir geläufiges gleichwertiges Äquivalent gibt.

Nun sind Herr Kamke und ich im halbwegs gleichen Alter und er beschreibt Dinge aus einer Zeit, die der meinen ähnelt und die ich so ähnlich ebenfalls erlebt habe. Es ist nur folgerichtig, dass ich unwillkürlich ebenfalls reminiszierend auf meine eigene Kindheit zurückblicken musste.

Ich nehme dies zum Anlaß, hier mal wieder ein paar Worte zu hinterlassen, die nichts mit Nerdkram zu tun haben, sondern in den Bereich der persönlichen Anekdote fallen. Naja, vielleicht ist ein ganz klein wenig Nerdkram dabei, aber wirklich nur am Rande.

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Frank nannten alle nur beim Nachnamen. Ich weiß nicht wieso, es war halt so. Vermutlich kennt jeder so eine Person, die man schon von Kindesbeinen an nicht mit seinem Vornamen angeredet hat und keiner weiß wer damit angefangen hat, es blieb einfach hängen und wieso der so angesprochene nie dagegen protestiert hat, weiß auch kein Mensch. Der Einfachheit halber, und um ansatzweise die Anonymität zu wahren, nenne ich ihn weiterhin Frank.

Frank war ein halbes Jahr älter als ich und wir waren zusammen im Kindergarten. Als die Grundschulzeit losging besuchten wir verschiedene Schulen, aber Frank und ich spielten auch zusammen seit der F-Jugend im Vereins unseres Stadtteils Fußball. Er war unser Torwart und ein wahrer Elfmeterkiller. Ich war gelegentlich Flügelspieler, aber meistens Außenverteidiger; ein echter Ausputzer, denn Dribbeln war nie meine Stärke. Den Auslöser unserer Freundschaft kann ich nicht mehr so recht ausmachen, doch wir sahen uns häufig.

Er hatte eine gewaltige Sammlung an He-Man und Star Wars-Figuren, sowie die ganze Palette Playmobil: das Piratenschiff, die Ritterburg, die Weltraumstation, den Zirkus, die Cowboys und das Fort mit den Nordstaaten-Soldaten. Frank war ein Scheidungskind und lebte abwechselnd bei seiner Mutter, seinem Vater und seinen Großeltern, die aber alle im gleichen Stadtteil lebten. Seine Großeltern hatten einen sehr gut erzogenen Boxer, dessen gewaltige und übelriechende Fürze uns königlich amüsierten. Seine Oma stand gefühlt den ganzen Tag in der Küche und hat gekocht oder gebacken. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir dabei ihre selbstgemachten Fischfrikadellen – ein Traum!

Seine Mutter hatte eine neuen Lebensgefährten und gemeinsam hatten sie ein Haus mit riesigem Garten, der im hinteren Teil in unbebautes Gelände überging. Für uns Kinder ein Spiele-Eldorado.

Das Haus meiner Eltern liegt in einem Teil Hamburgs der an das ländliche Umland grenzt. Direkt hinter unserem Garten ist eine große Wiese die einem Bauern gehört. Früher waren dort viele Gänse und Kühe unterwegs, doch mit seinem zunehmenden Alter musste er diese irgendwann aufgeben und so hat er mittlerweile schon seit Jahren nur noch Pferde dort. Wir hatten mal einen Hund, der so gut erzogen war, dass wir ihn ohne Probleme, trotz einer Hauptstraße zur Vorderseite hin, aus dem Haus lassen konnten, wenn er raus musste. Er verrichtete sein Geschäft und kam dann selbstständig wieder rein. Manchmal jedoch, da ritt ihn die Abenteuerlust und er verschwand eine ganze Weile. Wir schlossen, wenn wir merkten das er nach 5 Minuten nicht wieder da war, die Haustür und warteten. Es kam durchaus vor, dass es gut 2 Stunden dauerte, bis wir ihn kurz vor der Tür bellen hörten damit wir ihn wieder reinlassen. Er war dann im Regelfall sehr zersaust, mit Tannenzweigen und/oder Kletten im Fell, aber in seinen Augen und Habitus war pure Freude zu sehen und er machte allgemein einen sehr glücklichen Eindruck.

Ich bilde mir gerne ein, das wir sehr ähnlich auf unsere Eltern gewirkt haben müssen, wenn wir von Brennesseln gebissen und Dornen zerschrammt mit Rissen in den Hosen, T-Shirts und von oben bis unten verdreckt aus dem waldartigen Gestrüpp hinter dem Garten von Franks Mutter wiederkamen.

Generell waren wir viel draußen und erkundeten die Gegend auf unseren Fahrrädern oder liefen neben den Gleisen des lokalen Nahverkehrs, wenn wir Strecken abkürzen wollten. Wild wachsende Brombeeren waren dabei unsere Begleiter und wanderten zahlreich in unsere gierigen Kinderschlunde.

Aber Frank war auch anstrengend. Er hörte gerne John Sinclair und die Horror-Hörspiele der H.G.Francis-Reihe Filme. Er liebte Filme wie Rambo, Die City-Cobra oder Der Längste Tag aus den falschen Gründen. Er mochte Waffen und wenn sein Onkel mit seinem Luftgewehr vorbei kam, baute er sich eine kleine Range im Garten und schoß dort auf Dosen. Vom gleichen Onkel angestachelt machte er gerne Witze über den Holocaust oder N…na, ihr wisst schon.

Als ich begann zu verstehen, worüber er sich lustig machte und er anfing sich mit Leuten der rechten Skinszene zu umgeben, trennten sich unsere Wege. Wir gingen eigentlich ab der 5.Klasse zur gleichen Gesamtschule, aber schon nach wenigen Jahrgängen sah ich ihn nicht mehr auf dem Schulhof und hörte auch nichts mehr von ihm. Als ich ihn dann mal mit 15 oder 16 auf einem Stadtteilfest sah, stand er mit glatt rasiertem Kopf, Bomberjacke und Springerstiefel in einer kleinen Gruppe gleich gekleideter (und vermutlich gesinnter) und trank gemeinsam mit ihnen Bier. Zurückblickend ergab es auf einmal alles Sinn und war folgerichtig, dennoch erschrack es mich ein wenig ihn so zusehen und machte mich traurig.

Doch als Preteen verstand ich das alles noch nicht so richtig was er und/oder sein Onkel da von sich gab und ich lachte beschämenderweise auch über den einen oder anderen Spruch für den ich heutezutage jemanden normalerweise die Meinung sage und dann zeige, wie es aussieht wenn meine Rückseite langsam kleiner wird während ich mich von der Person fortbewege.

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher welcher Geburtstag es war, aber ich hatte von meinen Eltern ein Zelt bekommen und damit einhergehend das Versprechen, dass ich, sobald es warm genug war, es bei uns im Garten aufbauen und darin schlafen durfte. Zur Zeit der Pfingstferien war es soweit. Wir bauten das Zelt im Garten auf und mein Vater stellte seine Kabeltrommel zur Verfügung, die ich nutzte um im Zelt einen kleinen Schwarzweiß-Fernseher mit Strom zu versorgen. In Absprache mit Franks Mutter durfte er ebenfalls bei mir im Zelt schlafen. Es waren laue Tage und alles war wahnsinnig spannend.

Natürlich war in den nächsten Nächten nicht viel an Schlaf zu denken. Wir guckten lange fern und hatten immer ein Auge darauf, wann meine Eltern ihrerseits schlafen gingen, denn das konnte man wunderbar daran beobachten das das Licht im Wohnzimmer, dessen Fenster nach hinten hinausging, ausgeschaltet wurde. Wir warteten dann meistens noch ein paar Minuten und schlichen uns davon.

Ich erwähnte ja schon, das sich hinter unserem Garten die große Wiese vom Bauern befand. Dazwischen, als Grenze, nur ein Graben der bei schlechtem Wetter gerne mal sehr schlammig-brackiges Wasser mit sich führte. Es waren allerdings trockene Wochen gewesen, so daß wir ohne Probleme über den Zaun in den Graben konnten und von dort aus hinaus in die Nacht, wohin auch immer wir wollten, nur mit einer Taschenlampe bewaffnet.

So überquerten wir z.B. die große Wiese vom Bauern und begaben uns unter die Plane wo er sein Heu lagerte. Wir schauten uns seine Hühnerstelle aus nächster Nähe an oder stromerten durch den kleinen Wald des Nachbarortes, der schon gar nicht mehr zu Hamburg, sondern Schleswig-Holstein gehörte. Es war nicht Stand by me, aber es fühlte sich teilweise so an.

Nach zwei oder drei Nächten verriet Frank mir, dass er ein Mädchen toll fand, das eine gute Freundin seiner Cousine (die er ebenfalls gerne piesakte, obwohl sie ihm nie etwas böses getan hatte) war. Sie wohnte auch bei uns im Stadtteil in der Nähe eines der beiden Bahnhöfe. Obwohl er sonst immer den Starken mimte und gerne Mutproben von anderen verlangte, sah er sich nicht in der Lage sie direkt anzusprechen. Er hatte aber schon einen Plan ausgeheckt, wie er auf sich aufmerksam machen wollte: er hatte Schere, Papier, Klebstoff und ein paar Zeitungen und Zeitschriften mitgebracht und wollte ihr einen Liebesbrief im Stil eines Erpresserbriefes schreiben, welchen er dann von außen an die Fensterscheibe ihres Zimmers zu kleben gedachte.

Also schnibbelten und klebten wir. Der fertige Brief kam in eine Klarsichthülle und wie schon zuvor verließen wir im Dunkel der Nacht unseren Garten, überquerten die Wiese des Bauerns und kletterten über den Zaun, um zu dem auf der anderen Seite verlaufenden Gleisbett zu gelangen. Wir folgten den Schienen bis zum Bahnhof und bogen dort in die Straße ab, die zu dem Haus führte in dem das Mädchen, das Frank so toll fand lebte. Wir schlichen uns in den Garten, ich machte eine Räuberleiter und er befestigte, auf meinen verschränkten Händen balancierend, den Brief wie geplant mit KLebefolie von außen an die Scheibe. Dann liefen wir eilig zurück.

In der folgenden Nacht machten wir uns wieder auf den Weg. Frank wollte wissen, ob der Brief noch da hing und ob sie nicht vielleicht sogar ihrerseits eine Antwort hinterlegt hatte. Ich weiß leider nicht mehr, was in seinem Brief stand und wie er sich das alles vorgestellt hatte, aber irgendeinen Sinn hatte es in seinem Kopf bestimmt ergeben. Auf jeden Fall standen wir unter ihrem Fenster und sahen, das dort nichts (mehr) hing. Diesmal liefen wir auf dem Heimweg nicht. Frank war betrübt.

Zurück im Zelt fasste er den Plan einen zweiten Brief zu “schreiben”, der in der nächsten Nacht wieder an das Fenster geklebt werden sollte. Erneut schnibbelten und klebten wir bis seine Botschaft an die Angehimmelte fertig war. Der Tag verging und später ging es abermals die Schienen entlang zu dem Haus ihrer Eltern. Ich stellte die Räuberleiter zur Verfügung, Frank stieg hinauf und klebte. Dann verließen wir das Grundstück und machten uns auf den Weg zurück zu mir.

Diesmal gingen die Schranken runter bevor wir die Gleise beim Bahnhof erreichten. Die Lampe am Andreskreuz blinkte und neben uns hielt ein Auto. Einem Automatismus folgend blickten wir nach links zur Straße. Die Fensterscheibe wurde runtergekurbelt und im gelblichen Licht der Straßenlampe schauten wir in das Gesicht von Franks Mutter. Sie sah nicht erfreut aus uns zu sehen. “Sag mal, spinnst Du?” fragte sie Frank. Frank wusste nicht was er antworten soll. Die Schranken erhoben sich surrend und gaben den Weg wieder frei. Während sie langsam an uns vorbeifuhr gab sie uns zu verstehen, das wir uns schleunigst zu mir nach Hause begeben sollten.

Ich weiß nicht mehr, ob wir auf dem Heimweg oder im Zelt noch über irgendwas gesprochen haben. Früh morgens kam Franks Mutter und holte ihn ab. Erstaunlicherweise schien sie nie über diesen Vorfall mit meinen Eltern gesprochen zu haben. Als diese nachmittags von der Arbeit kamen und mich verwundert fragten warum denn Frank schon weg sei, schließlich wären noch zwei weitere Nächte geplant gewesen, antwortete ich lapidar: “Er musste mach Hause.” Es gab keine weiteren Nachfragen und ich verbrachte noch eine Nacht im Zelt.

Ich habe ihnen nie erzählt was damals vorgefallen ist und es war das einzige Mal, das ich bei uns im Garten gezeltet habe.

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